Dem Glück eine Chance
ein Roman über Liebe, Trauer und den Willen, nicht aufzugeben
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Zum Inhalt
Lex Morgan hatte das perfekte Glück gefunden. Nachdem es ihr auf brutale Weise entrissen wurde, versucht sie mühsam wieder Fuß zu fassen. Sie begegnet Isaac und die ersten zarten Bande einer Freundschaft knüpfen sich zwischen ihnen. Als sich auch mehr anzubahnen beginnt, schreckt Lex davor zurück. Zu tief sitzen der Verlust und die Angst vor neuerlichen Verletzungen. Doch stets in der Vergangenheit zu leben, kann nur in einer Sackgasse enden. Kann Lex die Kraft und den Mut aufbringen, nach vorn zu schauen?
Vorwort
Als ich dieses Buch im Sommer 2012 begann, entstand es aus dem Wunsch heraus, mich mit einigen Aspekten meiner eigenen Lebensgeschichte über die Distanz eines fiktionalen Charakters auseinanderzusetzen. Als ich dann mit meiner dritten Tochter schwanger wurde, hatte ich mich so in den Namen meiner Hauptprotagonistin verliebt, dass ich ihn an meine Tochter weitergeben musste, darüber jedoch jedweden Blick für die Handlung des Buches eingebüßt hatte. Zunächst überlegte ich, den Namen im Buch schlicht zu ändern, stellte aber fest, dass dies das Problem nicht lösen würde.
Erst als ich mir Anfang 2021 selber eingestehen musste, dass ich trotz all des heilenden Prozesses, den ich inzwischen hinter mir hatte, einmal mehr im tiefsten Abgrund meiner Depressionen angekommen war, fühlte ich plötzlich wieder eine Verbindung zum Schicksal meiner Heldin. Innerhalb weniger Tage beendete ich das Buch.
Entstanden ist eine Geschichte, die mein Herzblut enthält. Und mit der ich mich selbst daran erinnern möchte, dass das Glück nur dann eine Chance hat, wenn man am Leben festhält – und offen dafür bleibt.
Fee O’Keeffe, im Sommer 2021
Gefunden vom Glück
die Vorgeschichte zu "Dem Glück eine Chance": Lex Morgan begegnet ihrer ersten großen Liebe...
coming out in Winter 2021
Zur Entstehung des zweiten Buches
Eigentlich schrieb ich das Material des zweiten Buches nur, um meinen Hauptcharakter Lex Morgan besser verstehen zu können. Ihre Gefühle, ihre Vorgeschichte, ihre Handlungsweisen, ihre Eigenarten. Doch als ich dann das erste Buch abschloss, stellte ich fest, dass ich noch nicht bereit dazu war, die Charaktere gehen zu lassen. Und da ich bereits soviel Material gesammelt hatte...
Also machte ich mich daran, all die Textpassagen miteinander zu verbinden, zu überarbeiten. Und nach und nach entstand das zweite Buch.
Zwischendurch war es wirklich schwer. Mir blutete das Herz, die Liebe zwischen Lex und Dante sich entfalten zu lassen, da ich ja genau wusste, dass sie in einem verheerenden Verlust enden würde. Nichtsdestotrotz hat auch diese Geschichte natürlich ihren berechtigten Platz.
Nun, wo sich auch die Handlung des zweiten Buches allmählich dem Ende entgegen neigt, weiß ich schon jetzt, dass der Abschied schwer fallen wird. Aber wer weiß, vielleicht gibt es einen Weg, erneut in dieses Buchuniversum zurückzukehren. Noch sind nicht alle Geschichten daraus erzählt, oder?
Leseprobe
Noch in der letzten Sekunde sprang Lex mit ihrer Hündin Leila durch die sich bereits schließenden Türen der Straßenbahn hinein. Sie gab ein triumphierendes „hah“ von sich, das sich an niemand besonderes wandte. Als ein Mann mittleren Alters sie daraufhin etwas irritiert musterte, zog sie leicht verlegen die Schultern hoch.
„Gerade noch bekommen. Sonst würden wir zu spät zur Arbeit kommen“, erklärte sie, während sie seinem Blick bereits auswich und sich nach einem Sitzplatz umsah. Einige Schritte von der Tür entfernt entdeckte sie einen und steuerte darauf zu. Mit einem erleichterten Laut ließ sie sich darauf sinken, streckte die Beine von sich und schloss für einen Moment die Augen, während Leila ihr den Kopf auf den Schoß legte. Sie streichelte sie hinter den Ohren, freute sich auf die nächste halbe Stunde, in der sich nichts zu tun haben würde. Sie war schon seit vier Uhr früh wach.
Eigentlich hätte sie erst um sechs aufstehen müssen, um rechtzeitig auf dem Platz ihrer Hundeschule sein zu können. Aber einmal mehr hatte sie kaum Ruhe in der Nacht gefunden und war eigentlich froh gewesen, als sie um vier aus einem leichten Schlummer aufgeschreckt war. So hatte sie sich aus dem Haus schleichen können, ehe Greg wach geworden war. Vielleicht würde es dafür später Ärger geben – obwohl sie ihm eine Nachricht dagelassen hatte: Bin schon zur Arbeit. Freu mich auf dich heute Abend. Eine glatte Lüge, die ihn jedoch hoffentlich etwas gnädig stimmen würde – aber trotzdem würde er vermutlich nicht begeistert sein, dass sie ihm ausgewichen war. Aber sie war sich nicht sicher gewesen, ob sie den Tag heute durchstehen hätte können, wenn er heute Morgen vielleicht wieder wütend auf sie geworden wäre. Schon so würde es eine Herausforderung werden. Gestern Abend hatte sie sich erschrocken, als er in der Küche plötzlich hinter ihr aufgetaucht war, und hatte einen Teller mit Essen hinunterfallen lassen. Er hatte sich sofort über ihre Ungeschicklichkeit aufgeregt. Ob man ihr Geld nicht für etwas Sinnvolleres als neues Geschirr ausgeben könnte. Als sie sich in die Knie sinken ließ, um die Scherben aufzusammeln, hatte er ihr mit viel Wucht in den Rücken getreten, danach noch achtmal in die Beine und den Unterleib, als sie am Boden gelegen hatte. Sie hatte es kaum geschafft, wieder aufzustehen, solche Schmerzen hatte sie gehabt. Die hatten nicht wesentlich nachgelassen. Während sie am Vormittag mit drei Gruppen auf dem Platz gearbeitet hatte, wäre sie mehrfach fast gestürzt, weil ihr linkes Bein ihr Gewicht nicht mehr hatte tragen können.
Und ihr Tag war noch lange nicht vorüber. Normalerweise freute sie sich auf die Stunden, die sie mit den Hunden der Polizeistaffel verbrachte. Die Hundeführer waren disziplinierter und oftmals noch motivierter als die Leute, die ihrem Vierbeiner nur die Grundkommandos beibringen wollten. Die Hunde lernten schnell. Ihr machte auch der lange Arbeitstag nichts, wenn sie beides miteinander verbinden musste. An Tagen wie heute arbeitete sie meist zwölf Stunden ohne nennenswerte Pause. Es störte sie nicht. Erst recht nicht, da es bedeutete, dass sie Greg für zwölf, fast vierzehn Stunden, wenn man die Fahrten mit einbezog, ausweichen konnte. Aber heute würde es hart werden. Sie war schon jetzt am Ende ihrer Kräfte.
Wäre Leila nicht fiepend aufgestanden, hätte Lex ihre Haltestation verpasst. Sie war tatsächlich ein wenig eingedöst. Sie war nicht nur schon seit vier Uhr wach, sie hatte die Nacht über auch kaum geschlafen. Eilig erhob sie sich jetzt. Der Mann, der auf ihr Einsteigen in die Bahn reagiert hatte, war ebenfalls noch immer da. Er sah sie wieder an. Mit gesenktem Kopf vermied sie seinen Blick, war froh, Leila dicht an ihrem Bein zu spüren. Steig nicht mit aus, betete sie stumm. Als die Türen sich öffneten, hastete sie hinaus. Ihr Flehen wurde nicht erhört. Auch der Mann stieg aus. Sie meinte, seine Augen noch immer auf sich spüren zu können. Nur nicht umdrehen, sagte sie sich selbst, während sie mit raschen Schritten den Weg in Richtung der Polizeistation einschlug. Früher war sie selbst im Dunkeln ohne Angst durch die Straßen ihrer Heimatstadt gezogen. Seitdem sie mit Greg zusammen war, oder vielmehr, seitdem er angefangen hatte zu zeigen, dass er neben der charmanten, humorvollen und zuvorkommenden Seite noch eine ganz andere verbarg, nicht mehr. Jetzt war die Angst ihr ständiger Begleiter.
Sie war so konzentriert auf den Mann in ihrem Rücken – war er überhaupt noch dort? Kam er ihr näher? Hatte er längst eine andere Richtung eingeschlagen? – dass sie den Fahrradkurier völlig übersah, der ihr vollbeladen entgegenkam. Erst als er mehrfach klingelte, sprang sie im letzten Moment zur Seite.
„Pass doch auf, du dumme Kuh!“, rief er ihr zu, während er schon an ihr vorbeisauste.
Ein, zwei lange Augenblicke stand sie nur wie versteinert da, starrte ihm hinterher, unfähig, auch nur zu atmen. Würde er anhalten? Absteigen? Zu ihr zurückkommen, um ihr zu zeigen, was er davon hielt, dass sie ihm in die Quere gekommen war? Der Schmerz in ihrem Rücken pochte dumpf, ihr linkes Bein zitterte unter der Anstrengung, Teil ihres Gewichtes tragen zu müssen, und jeder Atemzug schien ein Messer tiefer in ihren Unterleib zu treiben, nach dem, was Greg gestern mit ihr angestellt hatte wegen des zerschlagenen Tellers. Von den Schmerzen, die sie noch von den Verletzungen vorheriger Misshandlungen hatte, ganz zu schweigen.
Aber der Kurier wandte sich nicht einmal zu ihr um, hatte sie vermutlich bereits wieder vergessen. Auch den Mann aus der Bahn konnte sie nicht mehr entdecken. Erleichtert, aber zitternd von der durchgestandenen Angst, wandte sie sich ab und ging die letzten Meter zur Station. Bis sie dort ankam, beschränkte sich das Zittern immerhin nur noch auf ihre Hände. Allerdings hatte der plötzliche Abfall ihres Adrenalinspiegels zur Folge, dass sie deutlich müder wurde. Sie warf einen raschen Blick auf ihr Handy, um die Uhrzeit zu überprüfen – vielleicht konnte sie noch einmal schnell in die Station hinein, um sich einen Kaffee zu holen, ehe sie auf den Platz musste – als ihr bereits der nächste Angstschub versetzt wurde. Drei entgangene Anrufe von Greg. Und eine Textnachricht. Shit.
Wieso hatte sie nicht mitbekommen, dass er sie angerufen hatte? Weil ihr Handy noch von der Nacht auf lautlos geschaltet war… Sie musste in ihrer Müdigkeit vergessen haben, es auf laut zu schalten. Verdammt.
Anstatt schon durch die Tür hineinzugehen, ging sie ein paar Schritt zur Seite, um noch eine Zigarette zu rauchen. Sie brauchte etwas, um ihre Nerven zu beruhigen. Erst nach den drei ersten Zügen fand sie genug Mut, um zu schauen, was er ihr geschrieben hatte.
„Warum nimmst du nicht ab? Wo bist du? Ich kann heute schon um vier Schluss machen. Hoffe, du trägst was Heißes.“
Die Tränen, die die Angst vor dem Fahrradkurier ihr beinahe in die Augen getrieben hätte und die sie nur mit allergrößter Mühe hatte zurücktreiben können, verschleierten nun doch ihre Sicht. Wie sie die Sache auch drehte und wandte, das würde heute Abend Ärger geben. Nicht nur hatte sie sich vor ihm aus dem Haus geschlichen und war nicht erreichbar gewesen. Offensichtlich hatte er auch vergessen, dass heute ihr längster Tag in der Woche war. Sie würde vor neun nicht zu Hause sein. Er würde fuchsteufelswild sein.
Erst nach der zweiten Zigarette hatte sie sich so weit unter Kontrolle, dass sie ihr Display wieder erkennen konnte. Mit zitternden Fingern tippte sie eine Antwort.
„Sorry, Greg, heute ist Dienstag. Ich bin bis um acht bei den K-9s. Es tut mir wirklich leid. Aber ich komm danach, so schnell es geht, nach Hause. Und natürlich trage ich was Heißes. Für dich immer.“ Sie bezweifelte, dass sie sich mit ihren Worten aus der Affäre würde ziehen können, hoffte aber, ihn immerhin ein wenig damit besänftigen zu können.
Hatte sie in der Straßenbahn bereits geglaubt, mit ihren Kräften am Ende zu sein, so war ihr jetzt schleierhaft, wie sie überhaupt noch die Stufen zur Eingangstür bewältigen sollte. Aber sie riss sich irgendwie zusammen. Sich dazu entschließend, dass sie sich zusätzlich zu den Zigaretten auch noch einen Kaffee genehmigen würde – und wenn auch nur, um ihre Angst wieder tief in sich zu begraben, ehe sie auf ihre Hunde und deren Führer traf – humpelte sie hinauf, ihr linkes Bein entlastend. Sie wünschte sich, sie könnte sich auch irgendwie so bewegen, dass ihr Unterleib sie nicht so quälen würde, aber das war aussichtslos. Nach Gregs Tritten gestern hatte sie beim Aufwachen sogar Blut in ihrem Slip gefunden. Sie zwang sich, nicht weiter darüber nachzudenken. Sie musste sich von ihren Gefühlen distanzieren, nicht sich weiter hineinsteigern.
An der Kaffeemaschine stand schon jemand – nicht verwunderlich bei einer Polizeistation dieser Größe. Es war ein Mann, der ihr den Rücken wandte, während er sich einen Becher einschenkte. Mit einem Seufzen entschied sie, auf den Kaffee lieber doch zu verzichten, wollte sich abwenden und hinaus gehen, als er sich bereits zu ihr umdrehte. Ihre Blicke trafen sich.
Seine Augen waren braun und warm wie geschmolzene Schokolade – die gleiche Assoziation, die sie hatte, wann immer sie ihrer Hündin Leila in die Augen sah. Der Moment schien irgendwie zu lange anzuhalten. Lex vermied eigentlich inzwischen jedweden längeren Blickkontakt mit Männern. Aber es wollte ihr einfach nicht gelingen, ihre Augen abzuwenden. Erst als er schließlich ein gewinnendes Lächeln aufsetzte, löste sie die Verbindung. Allerdings nur, um seine Erscheinung stattdessen einmal zu mustern. Er war vielleicht 1,85m groß, schlank und durchtrainiert. Haare in derselben Farbe wie seine Augen und bronzefarbene Haut verrieten seine südländische Abstammung und seine klaren, markanten Gesichtszüge ließen sie an die männlichen Skulpturen der großen italienischen Renaissancekünstler denken. Er hätte Michelangelo oder Raffaello Modell sitzen können, um Adonis nachzubilden.
Er war ganz in Schwarz gekleidet, an seinem Oberhemd war für die Arbeit vielleicht ein Knopf zu viel auf. Es ließ den Blick auf seine Brust zu, auf der ein goldenes Kreuz vor seiner Haut schimmerte. Für einen Moment fragte sie sich unwillkürlich, wie diese Haut sich wohl anfühlte. War sie so samtweich, wie sie aussah? Und für einen Sekundenbruchteil fragte sie sich außerdem, ob das Kreuz an seiner Kette vor und zurück schwang, wenn er sich im Bett über einer Frau bewegte.
Sie spürte das Blut in ihre Wangen steigen und mit einem leisen Räuspern trat sie ein, zwei Schritte zurück, als würde er ihr entgegenkommen.
„Wollten Sie auch einen Kaffee?“, fragte er, während er noch immer an Ort und Stelle verharrte. Seine Stimme war ein dunkler Bass, so warm wie der Ausdruck in seinen Augen. Die Worte wurden verstellt von einem schweren italienischen Akzent.
Auch wenn sie ihren Blick zu Boden gesenkt hatte, spürte sie seinen noch immer auf ihr verweilen. Sie sagte nichts, befürchtete, ihr könne irgendetwas Unsinniges herausrutschen, wenn sie den Mund aufmachte. Irgendetwas, was durch ihre Gedanken getriggert werden könnte, die sie unvermittelt überfallen hatten. Nein, sie sollte ein paar Sekunden besser den Mund halten.
Er zog eine Augenbraue fragend hoch und sein Lächeln wurde sanfter. „Ich befürchte, der Kaffee taugt nichts mehr. Lassen Sie mich Ihnen einen Neuen aufsetzen“, erklärte er und noch ehe sie ihn davon abhalten konnte, wandte er sich bereits zu der Maschine um und begann, einen neuen Filter zu befüllen.
Gerade entschied sie, einfach abzuhauen, während er mit dem Kaffee beschäftigt war, als er sich schon wieder halb zu ihr umdrehte. „Mein Name ist Dante, Dante Moretti. Ich glaube, wir sind uns noch nicht begegnet.“ Jedes seiner Worte, ja beinahe jeder einzelne Buchstabe schien ein warmes Kribbeln über ihren Nacken hinunter zu ihrem Rücken zu schicken. Sie hätte ihm Stundenlang zuhören können. Seine Stimme war geradezu hypnotisierend.
Erst mit einiger Verzögerung wurde ihr bewusst, dass er sie nun wieder geradeheraus ansah, während sie sich in dem Pool von geschmolzener Schokolade seiner Augen verlor. Dann wurde ihr klar, dass er wohl darauf wartete, dass sie ihm auch ihren Namen verriet. Für einen verrückten Moment wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Dante, Dante Moretti. Dante alias Adonis, war das Einzige, was fassbar durch ihren Kopf geisterte. Sie wurde noch roter, während er sie geduldig ansah, immer noch ein Lächeln auf den Zügen.
Sie räusperte sich umständlich, war sich nicht mehr ganz sicher, wie sie ihre Stimmbänder richtig ansteuerte. „Ich…“, brachte sie hervor. Es klang irgendwie atemlos. „Ehm.“ Nochmal räusperte sie sich. Es ließ sein Lächeln nur noch offener werden, noch wärmer. In seinen Augen erschien ein Funke, den sie nicht ganz einordnen konnte, der es ihr aber nur noch schwerer machte, sich an ihren Namen zu erinnern. „A… Lex. Lex Morgan“, stieß sie endlich hervor.
„Alexandra?“, hakte er nach und der Bass seiner Stimme und sein Akzent ließen den Namen zu einem warmen, zärtlichen Streicheln werden, das ihr eine Gänsehaut am gesamten Körper bescherte. Eine alles andere als unangenehme Empfindung. Und auch wenn sie ihren vollen Namen nie in ihrem Leben benutzt hatte – sie war immer schon einfach nur Lex gewesen – nickte sie jetzt, weiterhin unfähig seinen Blick nicht zu erwidern.
Er trat nun doch ein wenig näher an sie heran und streckte seine rechte Hand zur Begrüßung nach ihr aus. Das katapultierte sie endlich wieder zurück in die Realität. Sie fuhr heftig zusammen und wollte zurückweichen, stieß dabei aber in Leila, die vergessen immer noch treu an ihrem Bein wartete. Der Hund gab ein überraschtes Quieken von sich, während Lex mit den Armen ruderte, um ihr Gleichgewicht wieder zu finden. Hätte Dante nicht ihren Arm sacht aber nachdrücklich gegriffen, wäre sie über ihren Hund drüber gefallen.
Sobald er überzeugt war, dass sie wieder sicher stand, ließ er sie los und brachte von sich aus zwei Schritte Abstand zwischen sie beide. Sie konnte noch immer seine Hand an ihrem Arm spüren, ein Gefühl wie Seide an nackter Haut. Die Gänsehaut war wieder da.
Eine Falte war auf seiner Stirn erschienen, aber er sagte nichts zu ihrer ängstlichen Überreaktion. Für einen Moment fühlte sie sich aufmerksam gemustert, zwang sich dabei, ihr Gewicht auch auf ihr linkes Bein zu verlagern, welches sie bis gerade geschont hatte.
Jetzt wich sie seinem Blick wieder aus. „Ich… ich muss gehen“, brachte sie hervor und war kaum dazu in der Lage, die Worte zu formulieren.
„Warten Sie noch auf ihren Kaffee, Alexandra. Er ist gleich durch“, forderte er sie sanft auf. Sie war sich nicht sicher, ob sie dem nachgekommen wäre, hätte er sie nicht Alexandra genannt. Das schien sie irgendwie an Ort und Stelle zu fesseln, ohne dass sie sich dadurch gefangen gefühlt hätte.
Schon wieder lächelte er sie an und ohne ihr bewusstes Zutun erwiderte sie die Geste zaghaft. Sein Lächeln wurde breiter, der Funke in seinen Augen wurde zu einem Lodern.
„Ein schöner Hund“, sagte er, ohne seine Augen von ihr abzuwenden. „Spürnase oder Bodyguard?“
Zu lange erwiderte sie einfach nur seinen Blick, bis seine Worte endlich zu ihr durchdrangen, schon wieder völlig fasziniert von seinen Augen und seiner Stimme.
„Was?“, brachte sie irgendwann wenig geistreich hervor. Sie hatte keine Ahnung, wovon er sprach.
Auch wenn sie meinte, dass das eigentlich gar nicht mehr hätte möglich sein können, wurde sein Lächeln eine weitere Nuance wärmer. Es schien mit der Hitze in ihrem Gesicht zu korrelieren. Er deutete auf Leila an ihrer Seite, wobei er die Geste auffällig knapphielt. Trotzdem riss die Bewegung ihre Augen von seinen los. Nervös flackerte ihr Blick zu seiner Hand.
„Ihr Hund“, erklärte er geduldig. „Was ist sein Aufgabengebiet?“
Leila. Richtig. Sie saß noch immer neben ihr.
„Mantrailing.“ Das Wort kam ihr nur langsam über die Lippen, als müsse sie sich bewusst an jeden Buchstaben einzeln erinnern, um es überhaupt formen zu können. „Leila ist ein Mantrailer.“
„Das Licht in der Dunkelheit“, sagte Dante und sein Akzent ließ die Worte geradezu unerhört sinnlich klingen.
„Wie bitte?“ Lex musste keinen sonderlich intelligenten Eindruck auf ihn machen, aber sie hatte schon wieder keine Ahnung, wovon er sprach.
Er lachte und der dunkle, sonore Laut stellte irgendwas mit ihrem Inneren an. Beinahe war es, als wäre sie unerwartet in ein Loch getreten. Nein, das war nicht richtig. Mehr, als wäre ihr der Boden unvermittelt unter den Füßen weggezogen worden und er wäre derjenige, der sie vor dem Absturz bewahrte.
„Leila“, erklärte er. „Im Skandinavischen wird der Name mit ‚Licht in der Dunkelheit‘ übersetzt.“
„Ja“, gab sie zurück und selbst in ihren eigenen Ohren klang sie irgendwie atemlos, heiser gar. „Ihre Augen“, fügte sie hinzu und war sich selbst nicht sicher, ob sie damit Leilas Augen oder Dantes meinte, in denen sie sich bereits ein weiteres Mal verlor. Ursprünglich hatte sie Leila tatsächlich wegen dieser Übersetzung einmal so genannt. Als sie den Hund das erste Mal gesehen hatte, war sie ein kleiner verängstigter Welpe gewesen, der in dem Tierheim, in dem Lex zu dem Zeitpunkt jobbte, gestrandet war. Ihr Gesicht war schwarz und sie hatte in einer dunklen Ecke gekauert. Als Lex an ihren Käfig herangetreten war, hatte sie zu ihr aufgesehen und ihre Augen hatten eigentümlich geleuchtet. Wie ein Licht aus tiefster Dunkelheit. Sie hatte Lex damit bis ins Herz geleuchtet. Es war ihr sofort klar gewesen, dass sie sie haben musste.
Einmal mehr räusperte Lex sich. „Leilas Augen“, machte sie klar. „Sie… sie haben mich daran erinnert.“
Dante lachte erneut. Es hatte die gleiche Wirkung auf Lex wie zuvor. „Und beinahe habe ich eben gemeint, Sie sprachen von meinen Augen.“ Er zwinkerte ihr zu.
Lex spürte mehr Blut in ihre Wangen aufsteigen. Die Temperatur in ihrem Gesicht schien tatsächlich mit der seines Lächelns gekoppelt zu sein, denn auch dieses intensivierte sich um noch eine Nuance.
In diesem Moment zeigte die Kaffeemaschine durch ein Piepen an, dass ihr Kaffee durchgelaufen war. Dante wandte sich von ihr ab, sie damit einer Erwiderung, zu der sie eh nicht fähig gewesen wäre, enthebend und schenkte auch ihr einen Becher ein. Er drehte sich zu ihr zurück.
„Ihr Kaffee ist fertig“, sagte er, hielt den Becher in seiner Hand, ohne ihn ihr hinzuhalten. Erst als sie langsam ihre Hand danach ausstreckte, spiegelte er ihre Geste und reichte ihr den Becher.
„Danke.“ Sie war sich nicht ganz sicher, ob sie das Wort wirklich aussprach oder es nur dachte, denn einmal mehr war sie ganz und gar vereinnahmt von seinen Augen. Der Moment hielt an, 15, 30 Sekunden. Eine Minute. Sie sahen einander an, keiner von ihnen rührte sich oder sprach ein Wort.
Dante unterbrach den Moment schließlich. „Ich trinke immer mittags Kaffee. Vielleicht sehen wir uns hier mal wieder“, meinte er. Seine Stimme schien noch dunkler zu werden, der Akzent noch schwerer. Hätte ihr jemand die Verse aus der Balkonszene von Romeo und Julia zitiert, hätten die Worte nicht romantischer klingen können.